Wer sich mit den Aufbruchsjahren Oberbozens rund um die erste bedeutsame verkehrsmäßige Erschließung beschäftigt, kommt an der Persönlichkeit des Edmund von Zallinger-Thurn nicht herum. Wie viele der bekannten Bozner Kaufmannsfamilien entstammen auch die Zallinger dem süddeutschen Raum. Die Famile wurde, so Granichstaedten-Czerva in seinem Buch über die Bozner Kaufmannsfamilien, am Ende des 17. Jahrhunderts mit dem Bozner Bürgerrecht versehen, später – sie hatte sich inzwischen in die beiden Zweige Zallinger-Stillendorf und Zallinger-Thurn geteilt – auch geadelt. Die Zallinger kamen durch ihre Kaufmannstätigkeit zu großem Reichtum und verfügten über bedeutende Besitzungen in Bozen und auch am Rittner Berg. Nicht von ungefähr lautet die achte Bozner Seligkeit, eine Boznerin, am besten eine Zallinger, zur Frau zu haben. In der Tat kam auch ein Kinsele zu diesen Ehren: Franz nahm 1875 Rosa von Zallinger-Thurn zu seiner zweiten Frau.
Bemerkenswert ist die hohe Dichte an Intellektuellen, welche dieser Sippe entstammten (Abb. 1). Sechs an der Zahl, beschäftigten sich auf hohem Niveau mit der Philosophie, der Physik, der Mathematik, der Naturkunde, der Rechtsgeschichte aber auch mit angewandten Themen wie der Verbesserung der Seidenraupenzucht und des Ackerbaus oder mit der Trockenlegung der versumpften Talsohle des Bozner Unterlandes.
Abb. 1: Auszug aus den Innsbrucker Nachrichten vom 7. Februar 1928, S. 3. Das Klicken auf die Abbildung macht den gesamten Zeitungsartikel ersichtlich.
Edmund von Zallinger-Thurn (geboren am 19.8.1845 in Oberbozen, gestorben am 23.10.1914 ebendort) war ein Bozner Rechtsanwalt, bekannt wurde er aber hauptsächlich als langjähriger und umtriebiger Kurvorstand der damals aufstrebenden, noch eigenständigen Gemeinde Gries. In seiner Zeit wurde das Kurhaus (das heutige Marcelline-Institut, Abb. 2) samt umliegenden Parkanalgen gebaut, Wege ausgebessert und Promenanden, u.a. jene auf der Wassermauer, errichtet. Auch Kurkonzerte wurden eingeführt und eine intensive Werbetätigkkeit (“Preßreklame und sonstige Propaganda”) angestoßen. Eine detaillierte Kurordnung garantierte die Finanzierung dieser Aktivitäten.
Abb. 2: Das 1884 errichtete Grieser Kurhaus mit dem Kurgarten und dem Musikpavillon.
Doch Edmund v. Zallinger dachte, für einen Pionier typisch, in größeren Dimensionen. Um den Kurort Bozen-Gries auch längerfristig konkurrenzfähig zu halten, genügten die oben genannten Einrichtungen nicht. Die Berge in der Nähe des Kurortes, bis zu dem Zeitpunkt nur durch lange und mühsame Fußmärsche oder mit Saumtieren erklimmbar, mussten für das breitere, bequemere Publikum komfortabel erschlossen werden (ich berichtete hier). Wie damals hinsichtlich der Entwicklung des Bergtourismus üblich, war die Schweiz ein klares Vorbild darin. Dafür, dass Edmund von Zalllinger wirklich der erste war, der die Idee der Bahn auf den Ritten hatte, wie öfters kolportiert wird, habe ich bisher keine Belege gefunden; er war aber sicherlich unter den ersten und der Zielstrebigste darin. Vier Jahre nach der ersten Nennung des Vorhabens in den Zeitungen wird nämlich gemeldet, dass Edmund v. Zallinger und Johann Kofler vom Handelsministerium die Bewilligung erhalten haben, technische Vorarbeiten durchzuführen (Abb. 3). Man beachte, dass man damals noch von der Rittnerhornbahn sprach. Zallinger trat auch immer wieder bei Versammlungen als starker Befürworter des Vorhabens auf.
Abb. 3: Ausschnitt aus der “Brixener Chronik” vom 6. November 1894, S. 3.
Die Tatsache, dass ab Bozen 2.000 Höhenmeter zu überwinden waren und dies mittels einer dampfbetriebenen Bahn eine überaus große technische und damit finanzielle Herausforderung darstellte, verhinderte anfänglich die Realisierung dieser als saisonsgebundenenen “Vergnügungs- und Ausflugsbahn” geplanten Erschließung.
Als aber 1898 mit der Indienststellung des Elektrizitätswerkes an der Töll die Voraussetzung für den elektrischen Betrieb erfüllt wurde, man sich mit der deutlich tiefer gelegenen Endstelle Klobenstein zufrieden gab und ein prominentes “Aktions-Komitee” ab 1904 in Erscheinung trat, kam endlich wieder konkrete Bewegung in die Sache. “Dr. Julius Perathoner, Reichsrats- und Landtagsabgeordneter und Bürgermeister von Bozen, Anton Graf Ceschi, k. k. Bezirkshauptmann in Bozen, Josef Riehl, Ingenieur und Bauunternehmer in Innsbruck, Sigmund Schwarz, Bankier in Bozen, Dr. Wilhelm v. Walther, Sekretär der Handels- und Gewerbekammer in Bozen, Paul Christanell, Vizebürgermeister von Bozen, Dr. Edmund v. Zallinger, Kurvorstand von Gries und Anton Mair, Hotelier in Klobenstein” – so wurden diese Honorationen in der Presse vorgestellt – ergaben ein in jeder Hinsicht überzeugendes und schlagkräftiges Team.
Als dann im Sommer 1907, nach eineinhalb Jahren Bauzeit, die Bahn ihren Betrieb aufnehmen konnte, war Edmund von Zallinger schon seit Jahren als Immobilienentwickler am Ritten in Erscheinung getreten. Frühzeitig, d.h. noch bevor die Preise in der Folge der Erschließung stiegen, sicherte er sich wichtige Grundstücke und bebaute diese mit Villen. Er verfügte eben über Insiderwissen, würde man heute sagen. Zudem ließ er 1897 eine erste Wasserleitung vom Rittnerhorn nach Oberbozen bauen, welche den eher trockenen Teil des Rittens mit kostbarem Quellwasser versorgte, eine unerlässliche Voraussetzung für die bauliche Entwicklung.
Als alteingesessener Oberbozner Sommerfrischler – den Zallinger gehörten zeitweise u.a. das Amonn-, Grabmayr- und das Breitenberghaus – war er sich bewusst, dass die Mehrheit der dortigen Besitzer keine Hotels und andere touristischen Strukturen in ihre Nähe wünschten. Sie nahmen jene Haltung ein, welche Hans von Hoffensthal in seinem berühmten Essay so gekonnt skizzierte. Deshalb wurde er mit seiner Immobilientätigkeit östlich von Sankt Magdalena, also außerhalb der Oberbozner Sommerfrischsiedlung, aktiv. Er erwarb einen Hof (dessen Name ich noch nicht herausgefunden habe) in der Nähe der heutige Gelfvilla, und baute auf den dazugehörigen Flächen vier stattliche Villen.
Abb. 4: Die 1898 errichteten Villa Anna (links) und Villa Bergfried, dargestellt in der Werbebroschüre für den Bau der Rittnerbahn 1904. Zwischen den beiden Gebäuden ist in der Ferne das Braitenberghaus in St. Magdalena erkennbar.
Die beiden ersten, die Villa Anna und die Villa Bergfried (Abb. 4) wurden nicht nur in unmittelbarer Nähe zueinander sondern auch im gleichen Baustil errichtet. Als Pension Sonnenlehen sollten sie beginnen, das noch spärliche Beherbergungsangebot Oberbozens mit dem bestmöglichen touristischen Komfort der Zeit zu verbessern. Die Ankündigung in der lokalen Presse klang sehr vielversprechend (Abb. 5).
Abb. 5: Auszug aus “Bote für Tirol und Vorarlberg” vom 9. Juni 1902, S.5.
Ein großer Renner scheint die Pension aber nicht geworden zu sein. Schon im nächsten Jahr übernimmt ein neuer Pächter (Abb. 5) und der Hinweis, dass die Preise “mäßig angesetzt erscheinen” deuten stark daraufhin, dass die Nachfrage nach dieser Unterkunft bescheiden war. Wahrscheinlich war diesebezüglich Zallinger seiner Zeit zu sehr voraus bzw. der Bahnbau verspätet, denn die schlechte Erreichbarkeit Oberbozens stellte für die noblen Touristen sicherlich ein entscheidendes Hindernis dar. Wie lange die beiden Villen bis zum Tode Zallingers 1914 als Pension weitergeführt wurden, ist nicht klar. In der Ausgabe 1906/1907 vom “DUX Neuester illustrierter Reise Führer” wird die Pension Sonnenlehen noch einmal als empfehlenswerte Sommerfrischunterkunft erwähnt, in den folgenden Jahren, trotz erlösender Inbetriebnahme der Bahn, nicht mehr.
Abb. 5: Auszug aus den “Bozner Nachrichten” vom 28. Mai 1903, S. 6.
Genau eine Woche nach der Eröffnung der Bahn am 13. August heiratete die Tochter von Edmund von Zallingers, Hans Kuhn, einen Meraner Chirurg, der in Wien eine Universitätskarriere begonnen hatte (siehe Abbildung 6). Dass ein Sonderzug für die Hochzeitsgesellschaft bereitgestellt wurde und das Mahl im Hotel der Rittnerbahn stattfand, verwundert uns bei diesem Brautvater nicht wirklich.
Abb. 6: Auszug aus den “Bozner Nachrichten” vom 20. August 1907, S.3.
Dr. Kuhn konnte in einer großen Villa, welche von Zallinger etwas westlich der Pension Sonnenlehen gebaut wurde, eine Lungenheilanstalt einrichten. Laut den Recherchen von Elisabeth Baumgartner (“Eisenbahnlandschaft Alt-Tirol”) wurden dort noch in der Zwischenkriegszeit TBC-Kranke behandelt. Später, im Eigentum der Familie Unterhofer des Hotel Viktoria, wurde sie als Pension Villa Erika bekannt (Abb. 7).
Abb. 7: Die Pension Villa Erika/Erica, dargestellt auf einer Ansichtskarte der 60er-Jahre.
1907 baute sich der erfolgreiche Entrepreneur selbst an einer weithin ersichtlicher Stelle eine herrschaftliche Sommerresidenz, die Villa Waldburg. Nicht ohne Probleme aber, wie in den Zeitungen berichtet wurde (Abb. 8).
Abb. 8: Auszug aus den “Bozner Nachrichten” vom 24. November 1907, S. 5.
Mich würde interessieren, wie man dieses Gebäude architektonisch einordnen kann, auch der Name des Planers ist mir noch nicht bekannt. Mir als Laien kommt vor, es ist gleichzeitig von historistischen wie von modernen Elementen geprägt, was hinsichtlich des Zeitpunktes der Errichtung auch plausibel wäre (Abb. 9). Wie wird wohl die Originaleinrichtung ausgesehen haben?
Abb. 9: Die Villa Waldburg und die Strecke der Rittnerbahn zwischen St. Magdalena und Maria Schnee im Sommer 2026 – nach über hundert Jahren immer noch bedeutsame Ergebnisse von Zallingers Tun.
Doch selbst so geschickte und weitsichtige Unternehmer wie Zallinger können an Grenzen stoßen. So geschah es, als er mit dem Errwerb des großen, zentral in Maria Schnee gelegenen Oberhofers begann, die Interessen der Rittnerbahngesellschaft zu tangieren. Im April 1905 kauft er nämlich über seinen Strohmann Josef Prast, seines Zeichens Oberbozner Bauunternehmer und Wasserwart der von Zallinger gegründeten Wasserleitungsgesellschaft, den Hof des Alois Pechlaner mit dem offensichtlichen Zweck, die Entwicklung des Ortes bei dem zu erwartenden Bauboom in seinem Sinne zu lenken. Mit dem Besitz der Wasserleitung hatte er ein zusätzliches überaus wirksames Regulierungsinstrument in seinen Händen. So viel Privatinitiative war der Rittnerbahngesellschaft jedoch ein Dorn im Auge, da sie somit in ihrer Entwicklungsfähigkeit stark eingeschränkt wurde. Die Parzellierungen landwirtschaftlicher Flächen, besonders des Unter- aber auch des Oberhofers, waren notwendig, um den Bau des Bahnhofs Oberbozen, des Hotels Maria Schnee (später Holzner), aber auch der zahlreichen geplanten Villen – es sollten ja um die 200 werden – zu gewährleisten (Abb. 10).
Abb. 10: Ansichtskarte aus den Anfangsjahren der Rittnerbahn. Der Bau der Rittnerbahn war nie als reines Erschließungsprojekt geplant, die bauliche Entwicklung zu einem ganzjährigen Luftkurort und Villenstandort war ein wesentlicher Teil davon. Schon nach ein paar Jahren veränderte sich das Ortsbild in Maria Schnee: links die Villa Amonn (heute Riz), in der Mitte das Bahnhofsgebäude und das Hotel Oberbozen (heute Holzner), rechts die Villa Messmer (heute Gloriette). Der Fischteich wie die Lunwiese gehörten zum Unterhofer.
Die Journalistin Elisabeth Baumgartner hat in dem Standardwerk “Eisenbahnlandschaft Alt-Tirol” akribisch an Hand erhaltener Briefwechsel die Auseinandersetzungen in der Sache zwischen Zallinger, Bürgermeister Perathoner und Ing. Riehl – welche ja eigentlich alle Teil des Rittnerbahn-Promotorenkomites waren! – beschrieben und analysiert. Schlussendlich gibt Zallinger nach, macht den Kauf des Oberhofers rückgängig und ermöglicht so die für den Bau des Bahnhofs und des Hotels notwendigen Tauschgeschäfte zwischen der Gemeinde Bozen und dem Eigentümer des Unterhofers, Josef Lun (Abb. 11). Die Tatsache übrigens, dass der Unterhofer in den Berichten oft nur Hofer genannt wurde, verkomplizierte die Recherchen immer wieder.
Abb. 11: Auszug aus “Der Tiroler” vom 13. Jänner 1906, S. 6. Zu dieser Zeit wollte man den Bahnhof und das Hotel noch nach dem Namen des Ortsteils benennen.
Unter dem Druck des Bürgermeisters übergibt er der Rittnerbahngesellschaft schließlich auch die Trinkwasserleitung – seinen letzten Trumpf. Als der „Oberbozner Grund- und Bauverein” zu guter Letzt am 30. März 1907 den Ober- und den Unterhofer erwirbt, ist Zallinger definitiv aus dem Spiel.
Diese am 17. November 1906 gegründete Gesellschaft hatte ein weitgefächertes Aufgabenfeld: “Kauf und Verkauf, Verpachtung, Vermittlung, Verbauung von Liegenschaften in der Gemeinde Ritten, Betrieb von Gastgewerben auf eigene Rechnung oder durch Verpachtung und Vornahme solcher Arbeiten oder Unternehmungen, welche direkt oder indirekt zur Hebung des Wertes der gesellschaftlichen Realitäten durch Beförderung der Besiedlung des durch die Rittnerbahn erschlossenen Gebietes wünschenswert erscheinen.” Die Gesellschafter rekrutierten sich aus dem bahnfreundlich eingestellten Bozner Bürgertum, voran der Bürgermeister Julius Perathoner und sein Vize und Kanzleikollege Anton Kinsele. Kurzum, der größtenteils öffentlich finanzierten Bahn sollten genügend hohe Fahrgastzahlen beschehrt werden, in Einklang mit einer zentral gesteuerten, profitablen baulichen Entwicklung.
Ob dieser aus heutiger Sicht eklatante Interessenskonflikt seinerzeit thematisiert wurde, ist mir nicht bekannt. Genauso wenig weiß ich, wie ausgeprägt die Gewinnabsichten des „Oberbozener Grund- und Bauvereins” waren. Jedenfalls verdient diese meines Wissens bisher unaufgearbeitete Konstellation es, in nächster Zeit – vielleicht auch durch eine kompetentere wirtschaftshistorische Hand – näher unter die Lupe genommen zu werden.
Gesellschaftlich trat der freiheitliche Edmund v. Zallinger als Vorstand der Bozner Turner aber besonders als passionierter und zielsicherer Schütze in Erscheinung. So prägte er über Jahre sehr aktiv als Unterschützenmeister das Vereinsleben des Bozener Hauptschießstandes (Abb. 12), wobei seine “patriotisch durchglühten Festreden” sehr stark den damals in Bozen sehr verbreiteten Deutsch-Nationalismus bedienten (“Wir tirolischen Schützen sind deutsch und bleiben deutsch.”).
Abb. 12: Ablauf des von Edmund von Zallinger wesentlich mitgestalteten mehrtägigen “Landes- Fest- & Freischiessens”. Auszug aus “Tiroler Sonntagsbote” vom 24. März 1889, S. 9. Das Klicken auf die Abbildung macht das gesamte Programm ersichtlich.
Einen historischen Auftritt im wahrsten Sinnes des Wortes hatte Zallinger am 19. und 20. April 1897. An diesen beiden Tagen fand auf dem Festplatz bei der Tuchbleiche in Gries und im Schloss am Eingang des Sarntales das “Runkelsteiner Burgfest” statt. Eine riesige Kostümveranstaltung, welche die Mittelalterverliebtheit der Epoche einerseits und das gestiegene Selbstvertrauen des inzwischen doch arrivierten Bürgertums pompös darstellte. Bezeichnend dafür die Verse des die Festgesellschaft begrüßenden Stadtkanzlers: “Wie strahlt das rote Gold, des Silbers heller Schein Wie funkelt da manch theurer Edelstein Manch golddurchwirkt Gewand, manch kostbares Geschmeid, Doch das scheint mir die schönste Augenweid; Ich seh’ vereint der Edlen stolze Schaar Mit unseren Bürgern Paar um Paar Die Ritter und die Bürgerschaft Der Burgen und der Städte Kraft.”
Es ist zweifellos lohnend, die Zeitungsberichte der folgenden Tage zu lesen, sie gewähren uns einen sehr guten Einblick in die Festkultur der Epoche (Abb. 13). Der Reinerlös war übrigens für die Errichtung der Grieser Erzherzog-Heinrich-Promenade, heute als Guntschna-Promenade bekannt, vorgesehen. Es würde mich nicht wundern, wenn die Idee dazu vom Kurdirektor selbst stammte.
Abb. 13: Auszug aus der “Bozner Zeitung” vom 20. April 1897, S. 1. Das Klicken auf die Abbildung macht den gesamten Bericht ersichtlich.
Heute würde so eine Veranstaltung neudeutsch als Reenactment kategorisiert werden. Das Thema war der im 1417 erfolgte Zug Oswald von Wolkensteins mit seiner Schwangauer Gattin und ihrem Gefolge nach Bozen und weiter zur Burg Runkelstein. Im Bericht ist auch vermerkt, dass ein “Fräulein Kinsele” als “elegante Edeldame” daran teilgenommen hat. Es wird sich dabei um Franziska oder – vom Alter her eher – um ihre Cousine Lori gehandelt haben. Dass Edmund v. Zallinger und seine Ehefrau sich nicht mit einer Komparsenrolle zufrieden gaben, überrascht nicht wirklich. Beide treten als die Burgherren von Schloss Runkelstein, als Katharina und Franz Vintler, auf. Diesem Auftritt ist auch das einzige Bild Zallingers, welches ich bis jetzt von ihm gefunden habe, zu verdanken (Abb. 14).
Abb. 14: “Geschichtsbegeisterung lässt sich für alle europäischen Länder im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert verzeichnen. Runkelsteiner Fest 1897: Bozner Bürger verkleiden sich und feiern auf der Burg! Von Links: Anna von Zallinger und Hofdamen, Kurdirektor Domenig Herold stellt den Vintler (?) dar, Dr. Edmund von Zallinger stellt Niklaus Vintler dar. Besitz: Stadtmuseum Bozen, Museumsverein.” (Originalbeschriftung aus “„Wie? LÄUSE färben ROT?“ Living History als didaktisches Instrument, Die Harfe 5, 1913. Der Fotograf war ziemlich sicher Franz Largajoli.)
Was Wunder, dass er sich bei so viel Engagement auch in der der Oberbozner Schützengesellschaft sichtbar eingebracht hat. Vier Mal hat er die zweijährigen Amtsperioden als Oberschützenmeister ausgeübt. Entsprechend feierlich gestaltete sich das „Fest- und Freischießen” anlässlich seiner 50-jährigen Zugehörigkeit. Der Bericht in den „Bozner Nachrichten” (Abb. 15) gibt einen guten Einblick in den Ablauf solcher Veranstaltungen in der Hochblüte des Schießwesens, speziell in Oberbozen.
Abb. 15: Auszug aus den “Bozner Nachrichten” vom 2. September 1913, S.3-4. Das Klicken auf die Abbildung macht den gesamten Zeitungsartikel ersichtlich.
Der 68-Jährige (“greiße Jubilar”) war jedenfalls mit dem Gewehr noch sehr gut in Form, was der beste Treffer des Tages auf der von ihm gestifteten Festscheibe bezeugte. Und er scheint auch nicht unter übertriebener Bescheidenheit gelitten zu haben, zählt er doch auf dieser, der 111. Schützenscheibe des Oberbozner Schießstandes, seine Rittner Meriten auf und lässt sich demzufolge hochleben (Abb. 16).
Abb. 16: Auszug aus “Die Schützenscheiben von Oberbozen, Symbole eines ritterlichen Exercitiums”, S. 352-353. Rechts oben ist zudem sein neu erbautes Landhaus, die “Villa Waldburg” erkennbar, darunter sein Geburtshaus, das heutige Braitenberghaus.
Nur etwas mehr als ein Jahr nach den Feierlichkeiten, am 23. Oktober 1914, verstirbt Edmund v. Zallinger-Thurn in Oberbozen (Abb. 17). Erst im Herbst 1918, wahrscheinlich kriegsbedingt, wird die Verlassenschaft aktiv.
Ab. 17: Todesanzeige in “Der Tiroler” vom 25. Oktober 1914, S.9.
Die Witwe Anna bekam die Villa Waldburg und die damals noch bestehenden Wirtschaftsgebäude in der Nähe. Bereits zwei Monate später veräußerte sie die beachtliche Liegenschaft an die Familie Gelf aus Bozen, die sie bis heute ihr Eigen nennt. Tochter Johanna erbte das Gebäude, in dem ihr Mann das Lungensanatorium betreibt, die Villa Kuhn. Später wird sie von der Familie Unterhofer, Doppelbauer, erworben und als Pension Erika betrieben, es folgen Metzger und später Gelf, beide bewohnen sie privat. Sohn Hubert bekam die Villa Bergfried, verkauft sie aber nach nicht einmal einem Jahr an Moll, es folgen nach dem Zweiten Weltkrieg die Endrizzi. Die Villa Anna hingegegen wurde hingegen noch zu Lebzeiten Zallingers, und zwar 1907, von ihm an Maria Richter veräußert (Um den Bau der Villa Waldburg zu finanzieren?). Ab 1923 wurde das Gebäude innerhalb der Familie Eccel weitergegeben.
Laut Peter Grabmayr ist die Familie Zallinger-Thurn im Mannesstamme heute ausgestorben. Bis auf den gleichnamigen Ansitz mit Heiligkreuzkirche in Kematen, der aber auf Franz von Zallinger-Stillendorf zurückgeht, ist der Name vom Ritten verschwunden. Dass sein Wirken aber sichtbar in unsere Gegenwart hinüberreicht, ist unbestritten und sollte deswegen – mehr als bisher – vergegenwärtig werden. Auch weil seine unternehmerische Einstellung ihn exemplarisch als ein Kind seiner Zeit ausweist oder wie es Elisabeth Baumgarner so treffend formulierte, er lebte “die für jene Ära charakteristische Mischung aus idealistisch gesinntem Pioniergeist und handfestem Spekulationsdenken”.
In diesem Beitrag verwendete Literatur- und Bildquellen:
Juckenack, E. (1906). Dux neuster illustrierter Reise-Führer durch Tirol von München bis Ober-Italien : praktischer Ratgeber für Gebirgs- und Talpartien. S. Gellert.
Baumgartner, E. (1990). Eisenbahnlandschaft Alt-Tirol: Verkehrsgeschichte zwischen Kufstein und Ala im Spannungsfeld von Tourismus, Politik und Kultur. Haymon Verlag.
Foto Fränzl. (60er Jahre). Pensione VILLA ERICA Soprabolzano sul Renon 1220 m Tel. 55128 Pension VILLA ERICA Oberbozen am Ritten [Ansichtskarte]. Sammlung A. Kobler.
Braitenberg, C. von, Andergassen, L., Walther, F. von, Kofler, O., & Braitenberg, C. von. (1994). Die Schützenscheiben von Oberbozen: Symbole eines ritterlichen Exercitiums (Völlig umgearbeitete und ums Doppelte erw. Neuaufl.). Edition Raetia.
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