Sie fallen ob ihrer Gestaltung sofort aus, die beiden Villen, welche sich am Westrand von Maria Schnee befinden, die Promenade nach Maria Himmelfahrt führt an ihnen vorbei (Abb. 1 und 7). Errichtet wurden sie 1898, der Bauherr war Edmund von Zallinger-Thurn. Über ihn und die beiden anfänglich als Pension Sonnenlehen verwendeten Villen habe ich in einem vorigen Beitrag berichtet.
Abb. 1: Die Villa Bergfried (links) und die Villa Anna in Maria Schnee/Oberbozen in den ersten Jahren nach ihrer Fertigstellung 1898. In der Mitte mit dem Oberbozner Mantel wahrscheinlich Lori Kinsele, sie steht auf dem Grundstück unterhalb der heutigen Villa Malinowski, die Aufnahmerichtung ist Westnordwest. Ich vermute, dass das Foto ihr Halbbruder Robert gemacht hat.
Im Gespräch mit der rührigen Eigentümerin der Villa Anna, Frau Silvrid Schick-Eccel, äußerte diese die starke Vermutung, dass die beiden Oberbozner Villen von demselben Architekten entworfen wurden wie ein sehr bekannte Gebäude (Abb. 2) am Kohlererberg, ein auf ähnlicher Höhe befindlicher kleinerer Sommerfrischort oberhalb Bozens. In der Tat ist die Ähnlichkeit mit der dortigen 1896 errichteten, nach dem Projektanten und Eigentümer benannten Villa Bittner, auch Villa Degischer genannt, frappierend.
Gegenüber dem prominenteren Hotel Oberbozen ist das Hotel Hofer (Abb. 1 und 4) immer ein wenig in der zweiten Reihe geblieben. Trotzdem ist es wert, sich mit dieser Gaststätte zu befassen, spiegelt sie doch exemplarisch die Transformation des auschließlich bäuerlich geprägten Maria Schnee zum touristischen Oberbozen wider.
Abb. 1: “Ober-Bozen – Hôtel Hofer”. Ansichtskarte aus den ersten Betriebsjahren der Rittnerbahn. Am Aufnahmeort steht heute das Café Fink. Stolz auf die Erreichbarkeit durch die Bahn, wird diese statt dem Gebäude in den Vordergrund gestellt. Rechts oben kann man, vorzugsweise wenn man das Bild durch Anklicken vergrößert, im Hintergrund das weiße Gebäudes des Oberhofers und das Dach der Villa Kinsele mit seinem hoch aufragenden Blitzableiter erkennen.
Das Wohngebäude des Unterhofers, der umgangssprachlich auch nur Hofer genannt wurde, war entsprechend der wahrlich großen Ausdehnung seiner landwirtschaftlichen Flächen sehr großzügig bemessen und ist in seiner Grundform bis heute erhalten geblieben. Eine Gastwirtschaft, “Wirtsgerechtsame” heißt das zu Grund liegende Recht, ist 1860, also schon deutlich vor der Erschließung durch die Bahn nachweisbar (Abb. 2). Wahrscheinlich hatte die dort zuletzt unter Josef Lun untergebrachte Wirtschaft die Rolle des örtlichen Dorfgasthauses, in erster Linie für die einheimische, zahlenmäßig noch sehr geringe Bevölkerung.
Abb. 2: Auszug aus dem Versteigerungsedikt gegen Franz Öhler, Eigentümer u.a. des Unterhofers (“Der Bote für Tirol” vom 23. April 1860, S. 6). Wer erinnert sich noch an den Weiher in der Lunwiese?„Ansichtskarten der Woche (17)“ weiterlesen
Wer sich mit den Aufbruchsjahren Oberbozens rund um die erste bedeutsame verkehrsmäßige Erschließung beschäftigt, kommt an der Persönlichkeit des Edmund von Zallinger-Thurn nicht herum. Wie viele der bekannten Bozner Kaufmannsfamilien entstammen auch die Zallinger dem süddeutschen Raum. Die Famile wurde, so Granichstaedten-Czerva in seinem Buch über die Bozner Kaufmannsfamilien, am Ende des 17. Jahrhunderts mit dem Bozner Bürgerrecht versehen, später – sie hatte sich inzwischen in die beiden Zweige Zallinger-Stillendorf und Zallinger-Thurn geteilt – auch geadelt. Die Zallinger kamen durch ihre Kaufmannstätigkeit zu großem Reichtum und verfügten über bedeutende Besitzungen in Bozen und auch am Rittner Berg. Nicht von ungefähr lautet die achte Bozner Seligkeit, eine Boznerin, am besten eine Zallinger, zur Frau zu haben. In der Tat kam auch ein Kinsele zu diesen Ehren: Franz nahm 1875 Rosa von Zallinger-Thurn zu seiner zweiten Frau.
Bemerkenswert ist die hohe Dichte an Intellektuellen, welche dieser Sippe entstammten (Abb. 1). Sechs an der Zahl, beschäftigten sich auf hohem Niveau mit der Philosophie, der Physik, der Mathematik, der Naturkunde, der Rechtsgeschichte aber auch mit angewandten Themen wie der Verbesserung der Seidenraupenzucht und des Ackerbaus oder mit der Trockenlegung der versumpften Talsohle des Bozner Unterlandes.
Abb. 1: Auszug aus den Innsbrucker Nachrichten vom 7. Februar 1928, S. 3. Das Klicken auf die Abbildung macht den gesamten Zeitungsartikel ersichtlich.„Edmund von Zallinger-Thurn“ weiterlesen
Abb. 1: “Station Oberbozen m. Rosengartengruppe” (Ansichtskarte, Anfang 20. Jh.). Links im Vordergrund die Westseite der Villa Meßmer. Die im Vordergrund ersichtlichen Flächen des späteren Parks des Hotel Hofer/Friedl/Post werden noch landwirtschaftlich genutzt. Das Klicken auf die Abbildung vergrößert wie immer deren Darstellung am Bildschirm.
Selbst den meisten Ritten-Kennern wird der Name „Villa Meßmer” nichts sagen. Tatsächlich trug die Villa diesen Namen nur ganz kurz. Zudem konnte sie ihre ursprüngliche Form und Zweckbestimmung nur für kurze Zeit behalten. Sie war eine jener Villen – in Aussicht gestellt wurden laut Zeitungsberichten 200 (!) –, welche in der ersten Zeit um und nach dem Bau der Rittnerbahn hochgezogen wurden (Abb. 2). Der Bauherr war Dr. Heinrich (Heinz) Meßmer, ein rühriger Bozner Zahnarzt.
Abb. 2: Auszüge aus dem Grundbuch. “Maria Schnee – BP. 1161 – Wohnhaus Nr. 75 Oberbozen”.
Geboren wurde er im oberösterreichischen Freistadt, wuchs aber in Bozen auf, wo der zweite Mann seiner Mutter, Dr. Franz v. Zallinger, eine Zahnarztpraxis führte. Nach seiner Promotion zum Doktor der Gesamten Heilkunde war er in verschiedenen Teilen der österreichischen Monarchie tätig, bis er sich 1901 als Zahnarzt in Bozen niederließ. Er war stark im Musik- und Gesellschaftsleben der Stadt eingebunden, man findet zahlreiche Zeitungsmeldungen aus der Zeit, wo über ihn als Sänger, Liedtexter, Konzertveranstalter, Ballorganisator usw. berichtet wird. Auch wurde er 1902 in den ersten Vorstand des gerade gegründeten “Fremdenverkehrs- und Verschönerungsverein Bozen und Umgebung” gewählt. Trotzdem zieht er schon 1908 nach Wien, seine neue Villa am Ritten hatte er also nur kurz bewohnt. Er verkauft sie schließlich 1910 an Hans Holzner, der kurz davor das Hotel Oberbozen, welches für kurze Zeit Hotel Maria Schnee hieß, gepachtet und kurze Zeit später käuflich erwerben sollte (Abb. 3).
Abb. 1: “Costalovara m. 1225 sul Renon – Wolfsgruben am Ritten” (Ansichtskarte, Anfang 20. Jh.). Das Klicken auf die Abbildung vergrößert wie immer deren Darstellung am Bildschirm.
Ritten-Kenner werden in Abbildung 1 sogleich das St.-Josef-Kirchlein des Weilers Wolfsgruben, kurz vor Oberbozen gelegen, erkannt haben. Wenn man die Ansichtskarte vergrößert, erkennt man den noch offenen Bach, der zum gleichnamigen See führt, einen Holzsteg darüber, einen Karrenweg und rechts, dem Zaun entlang, einen gepflegten Fußweg. Und wenn man besonders akkurat in die linke Ecke schaut (Abb. 2), kann man einen an der Lärche die dringende Notdurft verrichtenden Knaben erkennen. Wird er die Anwesenheit des Fotografen nicht bemerkt haben?
Abb. 2: Vergrößerter Ausschnitt aus Abbildung 1.
Und wie sieht die Situation heute aus? Ich habe letztlich probiert, das Foto nachzustellen (Abb. 3) , ein Unterfangen, das schon durch die vermutlich verschiedenen Brennweiten nicht erleichtert wird. Zudem ist es nicht einfach, den Aufnahmepunkt zu finden bzw. kann er auch gar nicht mehr zugänglich sein. Im Fall von Wolfsgruben hatte ich Glück, man kann die Bilder recht gut vergleichen.
Abb. 1: “Bahnhof Oberbozen mit Hotel Holzner” (Ansichtskarte, 20er Jahre). Das Klicken auf die Abbildung vergrößert wie immer deren Darstellung am Bildschirm.
Eine Ansichtskarte (Abb. 1) aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg: Das Hotel Oberbozen wurde schon zu Hotel Holzner umbenannt. Eine Garnitur der Rittnerbahn, kommend von Klobenstein, ist Richtung Bozen abfahrbereit. Der auch heute noch Hotel Holzner genannte Beherbergungsbetrieb, der als Hotel Maria Schnee geplant und als Hotel Oberbozen eröffnet wurde, hat den gehobenen Tourismus am westlichen Rittner Plateau eingeleitet. Das Hotel hat hinsichtlich Lage, Größe und Ausstattung Maßstäbe gesetzt, weswegen dessen Abbildungen zahlreich in die Welt hinaus geschickt wurden. Man erkennt auch das hell getünchte Stationsgebäude und ganz links das Dach des Warenlagers der Bahn. Die sichtbaren Verkehrswege sind mit den heutigen ident, freilich waren die Beläge naturnäher, mit allen Vor- und Nachteilen. Zu der Zeit überwog der ländlicher Charakter des Rittens noch stark. Letztlich ist gerade durch die harte Gestaltung des Riehl-Platzes, wie dieses Areal jetzt zu Ehren des Erbauers der Rittnerbahn heißt, die Stadt nochmals näher herangerückt.
Rudolf Alfred Höger (1877 bis 1930) war ein österreichischer Genre- und Kriegsmaler. Dass er eine bestimmte Zeit am Ritten verbracht hat, bezeugen so um die zehn Landschaftsbilder von Lengmoos über Wolfsgruben bis Oberbozen, die als Ansichtskarten den Weg in die Öffentlichkeit gefunden haben. Den Ritten als Sujet muss er nach dem Bau der Rittnerbahn entdeckt haben, sind auf mehreren Exemplaren doch schon das Oberbozner Bahnhofsgebäude und das Hotel Oberbozen abgebildet. Es kann auch durchaus sein, dass er im Auftrag eines Ansichtskartenverlegers oder der örtlichen Tourismustreibenden gearbeitet hat.
Abb. 1: “Maria Schnee – Oberbozen gegen den Latemar (2864 m). Dolomiten. Tirol” (Kolorierte Ansichtskarte, Anfang 20. Jahrhundert).
Vor einer Woche habe ich Bilder vom Migler (Obermigler) gezeigt. Von dort aus, Richtung Südosten, wurde das Foto als Grundlage für diese kolorierte Ansichtskarte gemacht (Abb. 1). An Hand der ersichtlichen Bauwerke schätze ich, dass es in den ersten Jahren der Rittnerbahn entstanden ist. Man sieht nämlich von links nach rechts das Hotel Oberbozen/Holzner, ziemlich verdeckt die Villa Messmer (später vergrößert zu Villa Maria, Bergfink, Gloriette), die Bäckerei, den Rittnerhof, den Gebäudekomplex Baumgartner-Prock (noch unvollendet), das Haus Kofler (später Plankl). Hinter beiden letzteren kann man das helle Dach des Hotel Hofer (vormals Unterhofer, später Post) gerade noch erahnen. Das Maria-Schnee-Ensemble Kirche-Oberhofer-Wegerhaus-Kinselehaus ist hingen vollständig hinter den hohen Bäumen des Parks versteckt. Weiter rechts erkennt man an der Dachform wie immer sehr leicht die Villa Pattis (jetzt Pan) und darunter das Wohngebäude des Doppelbauern (später Hotel Viktoria).
Diese Ansichtskarte (Abb. 1) konnte ich online zum Ausrufepreis ersteigern, niemand sonst aus Sammlerkreisen hat sich nach über einem Monat, wo sie ausgestellt war, dafür interessiert. Jetzt bin ich überglücklich, denn seit Beginn meiner Recherchen war da so ein großer, weißer Fleck in der bildlichen Darstellung der Siedlungsgeschichte von Maria Schnee.
Abb. 1: Das Zentrum von Maria Schnee in Oberbozen, dargestellt auf einer ungereisten Ansichtskarte aus dem Verlag J.F. Amonn, welche den Stempel “Hôtel Oberbozen am Ritten bei Bozen, Tirol, 1200 m. ü. d. M.” trägt.
Schon bald hatte ich bei den Nachforschungen zum Ortsteil Maria Schnee herausbekommen, dass der Unter- wie der Oberhofer ihre Stadel mitten im späteren Dorfzentrum hatten. Die Inhalte des Grundbuchs und die Mappen des Franziszeische Kataster (Abb. 2) bezeugten dies eindeutig.
Abb. 2: Ausschnitt aus der Franziszeischen Katastermappe von 1858. Die schwarzen Pfeile zeigen auf die Wirtschaftsgebäude der beiden Höfe. Zur Orientierung: Die blau gezeichnete Parzelle 3201 rechts oben stellt den bis in die 2000er Jahre existierenden Dorfweiher dar, der Wegeverlauf ist identisch zu heute und das dunkelrot dargestellte Gebäude ganz links ist die Maria-Schnee-Kirche.Den ganzen Beitrag lesen…
Abb 1: “Ritten, Tirol: Oberbozen – Maria Schnee mit dem Rosengarten”, Ansichtskarte, Anfang 20. Jahrhundert.
Maria Schnee vom Westen her, dort wo heute das Malinowskihaus steht, fotografiert, auch damit die fotogene Rosengartengruppe mit auf die Glasplatte gebannt wird. Ganz links erkennt man den Gartenpavillon im Wegerpark, nach rechts zunächst die Kirche Maria Schnee, die Villa Kinsele, das Wohngebäude des Unterhofers (später Hotel Hofer, Hotel Friedl und zuletzt Hotel Post) und ganz zum Schluss jenes des Doppelbauern (zuletzt Hotel Viktoria) mit einen kleinen Teil des Stadeldaches. Auf seiner Nordseite steht eine mächtige Lärche, welche sogar in der Literatur Hans v. Hoffensthals Eingang gefunden hat: “… zunächst den paar Häusern von Maria Schnee, Luisl’s Vaterhaus, neben dem die kleine Kirche hockte, die Höfe vom Doppelbauer und vom Hofer, dieser mit ein paar zausigen Albern, jener mit einer alten Lärche, jeder aber mit einer von moosigem Stroh bedachten Scheune. …”
Eine sehr frühe Aufnahme, mindestens ein Jahrzehnt vor der Eröffnung der Rittnerbahn, als die Welt in Oberbozen laut obigen Autor noch in Ordnung war. Als Basis meiner Zeiteinschätzung dient die Beobachtung, dass unser Haus noch nicht den Außenkamin aufweist, der notwendig wurde, als Franz Kinsele Ende der 1890er Jahre einen Kachelofen in der hinteren Kammer einbauen ließ. Ein weiteres Indiz für die vortouristische Zeit ist das weitgehende Fehlen von Zäunen. Die mit dem Bahnbau einsetzende Parzellierung der Grundstücke für den Bau der Villen hat noch nicht stattgefunden, in Maria Schnee sind die Grundstücke noch fast ausschließlich landwirtschaftlich genutzt und auf den Unterhofer, den Oberhofer und dem Doppelbauer aufgeteilt. Auf der rechten Hälfte ist eine Acker sichtbar; im Mittelgebirge dominierte nämlich im Gegensatz zu heute der Getreideanbau, das Landschaftsbild war entsprechend vielfältiger. Vergrößert man das Bild, so erkennt man vor dem Kirchlein das große, noch frei stehende Wegkreuz und einen Weg, den Beginn des heutigen Sommerfrischweges Richtung St. Magdalena und Maria Himmelfahrt.
In diesem Beitrag verwendete Literatur- und Bildquellen:
Hoffensthal, Hans von. Marion Flora. Berlin: Fleischel, 1914.
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