RAI Südtirol Radio, Unser Land – Kultur & Natur in Südtirol. Mit Heike Tschenett.
Sendetermine: 5. 11. um 18:05 Uhr und am 7.11. um 11:05 Uhr.


Geschichte eines Hauses, einer Familie, eines Ortes
So werden unseren früheren Sommerfrischler den Ritten kaum erlebt haben. Die traditionelle Aufenthaltsdauer in Oberbozen lag zwischen Peter und Paul (29. Juni) und Maria Geburt (8. September); außerhalb dieser Zeit wurde der Ritten von den Stadtbewohnern nicht besucht. Einerseits war er bis zur Bahneröffnung nur mühsam zu erreichen und andererseits bestand lange kein besonderes Interesse daran. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreitete sich in der Allgemeinheit der Wunsch, Berge zu besteigen. In der Folge entstanden die Alpinclubs, Wege wurden markiert. Schutzhäuser auf den Bergen errichtet, Bergbahnen gebaut.
Franz Kinsele hat im Hinblick auf die deutlich bessere Erreichbarkeit durch den bevorstehenden Bahnbau die Villa Kinsele winterfester gemacht. Er, der inzwischen pensionierte Sparkassenkassier, wollte nicht nur den Sommer in Oberbozen verbringen. Ihm verdanken wir deshalb die beiden Täfelungen im Erdgeschoss. Der auch von ihm dort errichtetete einzige Kachelofen des Hauses fiel aber den Umbauarbeiten in den 70er Jahren zum Opfer. Leider konnte Franz Kinsele die Vorteile der Bahn nur kurz nutzen: Am 9. Januar 1908, im ersten Winter, in dem die Bahn in Betrieb war, verstarb er unerwartet.
Sie fallen ob ihrer Gestaltung sofort aus, die beiden Villen, welche sich am Westrand von Maria Schnee befinden, die Promenade nach Maria Himmelfahrt führt an ihnen vorbei (Abb. 1 und 7). Errichtet wurden sie 1898, der Bauherr war Edmund von Zallinger-Thurn. Über ihn und die beiden anfänglich als Pension Sonnenlehen verwendeten Villen habe ich in einem vorigen Beitrag berichtet.

Im Gespräch mit der rührigen Eigentümerin der Villa Anna, Frau Silvrid Schick-Eccel, äußerte diese die starke Vermutung, dass die beiden Oberbozner Villen von demselben Architekten entworfen wurden wie ein sehr bekannte Gebäude (Abb. 2) am Kohlererberg, ein auf ähnlicher Höhe befindlicher kleinerer Sommerfrischort oberhalb Bozens. In der Tat ist die Ähnlichkeit mit der dortigen 1896 errichteten, nach dem Projektanten und Eigentümer benannten Villa Bittner, auch Villa Degischer genannt, frappierend.
„Die unbekannten Oberbozner Bauten des Architekten Johann Bittner“ weiterlesenTatsächlich ist das eine Frage, welche mir des Öfteren gestellt wird. Inzwischen, Stand Oktober 2026, sind es doch an die 200 geworden. Schnell wurde mir zu Beginn des Schreibens an diesem Blog klar, dass Ansichtskarten wichtige Unterstützer sind. Ansichten aus früheren Jahren helfen einserseits, die Sachverhalte zu erklären bzw. Ereignisse zeitlich einzuordnen und andrerseits die Attraktivität der Beiträge deutlich zu erhöhen. Fotografien, besonders aus vergangenen Zeiten, haben eben eine große Anziehungskraft, wahrscheinlich weil sie als getreue Abbildungen wahrgenommen werden.

Gegenüber dem prominenteren Hotel Oberbozen ist das Hotel Hofer (Abb. 1 und 4) immer ein wenig in der zweiten Reihe geblieben. Trotzdem ist es wert, sich mit dieser Gaststätte zu befassen, spiegelt sie doch exemplarisch die Transformation des auschließlich bäuerlich geprägten Maria Schnee zum touristischen Oberbozen wider.

Das Wohngebäude des Unterhofers, der umgangssprachlich auch nur Hofer genannt wurde, war entsprechend der wahrlich großen Ausdehnung seiner landwirtschaftlichen Flächen sehr großzügig bemessen und ist in seiner Grundform bis heute erhalten geblieben. Eine Gastwirtschaft, “Wirtsgerechtsame” heißt das zu Grund liegende Recht, ist 1860, also schon deutlich vor der Erschließung durch die Bahn nachweisbar (Abb. 2). Wahrscheinlich hatte die dort zuletzt unter Josef Lun untergebrachte Wirtschaft die Rolle des örtlichen Dorfgasthauses, in erster Linie für die einheimische, zahlenmäßig noch sehr geringe Bevölkerung.

Wer sich mit den Aufbruchsjahren Oberbozens rund um die erste bedeutsame verkehrsmäßige Erschließung beschäftigt, kommt an der Persönlichkeit des Edmund von Zallinger-Thurn nicht herum. Wie viele der bekannten Bozner Kaufmannsfamilien entstammen auch die Zallinger dem süddeutschen Raum. Die Famile wurde, so Granichstaedten-Czerva in seinem Buch über die Bozner Kaufmannsfamilien, am Ende des 17. Jahrhunderts mit dem Bozner Bürgerrecht versehen, später – sie hatte sich inzwischen in die beiden Zweige Zallinger-Stillendorf und Zallinger-Thurn geteilt – auch geadelt. Die Zallinger kamen durch ihre Kaufmannstätigkeit zu großem Reichtum und verfügten über bedeutende Besitzungen in Bozen und auch am Rittner Berg. Nicht von ungefähr lautet die achte Bozner Seligkeit, eine Boznerin, am besten eine Zallinger, zur Frau zu haben. In der Tat kam auch ein Kinsele zu diesen Ehren: Franz nahm 1875 Rosa von Zallinger-Thurn zu seiner zweiten Frau.
Bemerkenswert ist die hohe Dichte an Intellektuellen, welche dieser Sippe entstammten (Abb. 1). Sechs an der Zahl, beschäftigten sich auf hohem Niveau mit der Philosophie, der Physik, der Mathematik, der Naturkunde, der Rechtsgeschichte aber auch mit angewandten Themen wie der Verbesserung der Seidenraupenzucht und des Ackerbaus oder mit der Trockenlegung der versumpften Talsohle des Bozner Unterlandes.


Die Veranstaltungsserie „300 Jahre Villa Kinsele“ war ein Erfolg – wenn auch nur zu einem Teil. Zwar konnte Prof. Daniela Salvucci mit ihrem bebilderten Vortrag über das Ehepaar Malinowski das überaus interessierte Publikum fesseln – wenn auch im Ausweichquartier Maria-Schnee-Kirche –, berührten Cordes y Butons die Zuhörenden mit ihren Klängen zutiefst, und es kamen auch immer mehr Personen als erwartet. Diese unterhielten sich zudem trefflich beim Umtrunk am Platzl und nahmen auch zahlreich an den improvisierten Hausführungen teil. Das zahlenmäßig größte Ensemble, Philomusia, für welches die Bühne dimensioniert war, musste jedoch sein Konzert nach fünfzehn Minuten abbrechen: Ein kurzes, aber intensives Gewitter bereitete dem kulturellen Hochgenuss ein unerwartetes und jähes Ende.
„Die alte Dame hat’s gefreut“ weiterlesen
Die Zeit der Sommerfrische beginnt, am Ritten traditionell zu Peter und Paul (29. Juni). Als Einstimmung dafür eine bemerkenswerte Filmdokumentation von Birgit Mosser. Mich hat es sehr gefreut, mit Informationen, Kontaktevermittlung, Begleitung vor Ort und mit eigenen Texten bei der Realisierung im Herbst 2025 mithelfen durfte.
„Erbe Österreich – Die Erfindung des Urlaubs“ weiterlesen2027 wird sich zum 150. Mal der Geburtstag des “Rittner Dichters”, Hans von Hoffensthal, jähren. Um mich schon beizeiten auf das Jubiläumsjahr einzustimmen bzw. es nicht unvorbereitet anzugehen und nicht zuletzt wegen eines dritten, bedeutenden Grundes, den anzugeben es aber noch verfrüht ist, habe ich mir diese Wochen seinen letzten Roman “Moj” zu Gemüte geführt.


Am 28. August 1726 verkaufen der „ehrsame“ Mathias Prackwieser, „Oberhofer zu Oberpozen“ und seine „tugendhafte Ehewirtin“ Ursula Lintner dem „edlen Herrn“ Andre Lanner, „Bürger und Kaufherr zu Bozen“, ein neues, an das Oberhofer-Wohnhaus grenzende Gebäude zum Zwecke der Sommerfrische. Aus den „erpauten zwo Camern sambt all den ybrigen Umb- unnd Ingepeyen, Item Kheller, Kichele, Dillen und Stallele“ wird im Laufe der folgende Jahrzehnte durch die Familien Lanner zuerst und Kinsele danach – auch erfolgreiche Bozner Kaufherren – , ein für Oberbozen typisches Sommerrefugium, welches die Mode der Zeit aber auch das Selbstverständnis des durch Handel zu Reichtum gelangten Bozner Bürgertums widerspiegelt.
Anlässlich des Abschlusses umfangreicher Renovierungsarbeiten und der 300sten Wiederkehr des obgenannten Besitzwechsels finden im Sommer 2026 vor dem historischen Sommerfrischhaus in Maria Schnee/Oberbozen drei kulturelle Veranstaltungen statt – eine für jedes Jahrhundert.