Es soll ein uraltes menschliches Bedürfnis sein, seinen Zeitgenossen, aber besonders der Nachwelt, mitzuteilen, dass man sich an einem bestimmten Ort aufgehalten hat. „Hic fui“, was lateinisch ist und nichts anderes bedeutet als „Ich war hier“, wurde zusammen mit dem eigenen Namen seit dem Altertum in Holz, Stein und Mauern geritzt. Der Filmbeitrag „GRAFFITI – ich war hier“ (Abb. 1) von Ulli Verano und Hans Peter Karbon zeigt anschaulich, wie, wann und wo sich die Besucher der einzelnen Orte verewigen wollten.
Abb.1: GRAFFITI – “ich war hier”, Karbon Videoproduktion im Auftrag von RAI Südtirol (2020).
So ein Zeichen des Beweises, hier gewesen zu sein, noch dazu ein ausführliches, haben wir auch in der Villa Kinsele im Laufe der Restaurierungsarbeiten entdeckt. 1891 hat sich Rosa Defrancesco aus Panchià, einem Dorf im Fleimstal, mit Bleistift auf einer Wand in der hinteren Stube verewigt (Abb. 2).
Abb. 2: Der Auffindungsort des Graffitis. Hinter der zeitweilig entfernten Täfelung der hinteren Stube kam es zutage, eingegrenzt auf dem Foto durch das farbige Oval.Abb.3: Linke Hälfte der Inschrift.„Hic fui – Ich war hier“ weiterlesen
Abb. 1: Das Rittnerhorn, von unterhalb der Sschwarzseespitze aus gesehen.
Selbst unter ausgesprochenen Rittnerbahn-Freunden ist wenig bekannt, dass die Rittnerbahn ursprünglich für das Rittnerhorn geplant war, und zwar als reine touristische Zubringerbahn. Die von Bozen ausgehende Trasse hätte über Unterinn und Klobenstein den einzigartigen Aussichtsgipfel erreichen sollen. Damit hätte sich der siebenstündige Fußmarsch von der Stadt aus auf eine zweistündige Bahnfahrt reduziert. Technische Probleme anfänglich (für den damals üblichen Kohle-Dampf-Betrieb war die Strecke zu lang) und finanzielle Schwierigkeiten später (es wurde den Investoren vorgetäuscht, dass die Strecke sogar nur bis zum Bahnhof Oberbozen gebaut würde) brachten es mit sich, dass das Vorhaben schlussendlich wesentlich kleiner ausfiel. Zudem sollte die ursprüngliche “Vergnügungsbahn” aus wirtschaftlichen Gründen einer breiteren Nutzung zugeführt werden, was mit der Zeit auch gelang.
1890 wurde das erste Mal in den Zeitungen über das ambitionierte Vorhaben geschrieben, und zwar in der Bozner Zeitungund den Tiroler Stimmen, jeweils am 17. Februar. Eine erste ausführliche, überaus positive Berichterstattung erfuhr das Projekt schon am Tag darauf, und zwar in der in Wien erscheinenden Neue Freie Presse, “führendes Blatt der Habsburgermonarchie, das insbesondere vom liberalen Bildungsbürgertum gelesen wurde.” (Wikipedia). Kein schlechtes Omen! Trotzdem sollten noch siebzehn Jahre bis zur Fertigstellung, noch dazu in reduzierter Form, ins Land gehen.
Wie schon in einem vorigen Posting berichtet, gehört zur Villa Kinsele einiges aus dem ausgehendem 18. Jahrhundert stammendes Mobiliar. So auch eine Serie von Kupferstichen, welche hinsichtlich der Sujets wie der Bilderrahmen auf diese Epoche verweisen. Nachdem ich auch von anderen Bewohnern historischer Sommerfrischhäuser gehört habe, dass sie ebenfalls ähnliche Kupferstiche, sogar in bedeutenderer Anzahl, besitzen, kann man das wirklich als ein in diesen Kreisen verbreitetes Modephänomen bezeichnen. Die Jagd, als eine in der Natur betriebene, beliebte, aber dem Adel vorbehaltene Sportart, war deshalb ein lohnendes Thema.
Abb. 2 bis 7: Die vorgefundene Kupferstiche zum Thema Jagd. Das Anklicken vergrößert die Abbildungsserie.
Grün, gelb und blau, das sind die Farben, welche momentan, an diesen wunderschönen Herbsttagen der ersten Oktoberhälfte am Ritten über alles herrschen. Der Morgen ist kalt, aber nicht frostig, zur Tageshälfte kann man angenehm im Freien zu Mittag essen, kaum ist die Sonne weg, wird es schnell kühl, die Tage sind merklich kürzer geworden. Fein, dass im Inneren des Hauses dann die neue Fußbodenheizung für angenehme Wärme sorgt. Und Kastanienherzen gibt es auch schon.
Herbsttag
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; gieb ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
Abb. 1: “Station Oberbozen m. Rosengartengruppe” (Ansichtskarte, Anfang 20. Jh.). Links im Vordergrund die Westseite der Villa Meßmer. Die im Vordergrund ersichtlichen Flächen des späteren Parks des Hotel Hofer/Friedl/Post werden noch landwirtschaftlich genutzt. Das Klicken auf die Abbildung vergrößert wie immer deren Darstellung am Bildschirm.
Selbst den meisten Ritten-Kennern wird der Name „Villa Meßmer” nichts sagen. Tatsächlich trug die Villa diesen Namen nur ganz kurz. Zudem konnte sie ihre ursprüngliche Form und Zweckbestimmung nur für kurze Zeit behalten. Sie war eine jener Villen – in Aussicht gestellt wurden laut Zeitungsberichten 200 (!) –, welche in der ersten Zeit um und nach dem Bau der Rittnerbahn hochgezogen wurden (Abb. 2). Der Bauherr war Dr. Heinrich (Heinz) Meßmer, ein rühriger Bozner Zahnarzt.
Abb. 2: Auszüge aus dem Grundbuch. “Maria Schnee – BP. 1161 – Wohnhaus Nr. 75 Oberbozen”.
Geboren wurde er im oberösterreichischen Freistadt, wuchs aber in Bozen auf, wo der zweite Mann seiner Mutter, Dr. Franz v. Zallinger, eine Zahnarztpraxis führte. Nach seiner Promotion zum Doktor der Gesamten Heilkunde war er in verschiedenen Teilen der österreichischen Monarchie tätig, bis er sich 1901 als Zahnarzt in Bozen niederließ. Er war stark im Musik- und Gesellschaftsleben der Stadt eingebunden, man findet zahlreiche Zeitungsmeldungen aus der Zeit, wo über ihn als Sänger, Liedtexter, Konzertveranstalter, Ballorganisator usw. berichtet wird. Auch wurde er 1902 in den ersten Vorstand des gerade gegründeten “Fremdenverkehrs- und Verschönerungsverein Bozen und Umgebung” gewählt. Trotzdem zieht er schon 1908 nach Wien, seine neue Villa am Ritten hatte er also nur kurz bewohnt. Er verkauft sie schließlich 1910 an Hans Holzner, der kurz davor das Hotel Oberbozen, welches für kurze Zeit Hotel Maria Schnee hieß, gepachtet und kurze Zeit später käuflich erwerben sollte (Abb. 3).
Ein Herr im dunklen Anzug, mit Vollbart und schwarz gerandeter Brille, posiert schmunzelnd vor einem stattlichen Haus. Ein paar Meter entfernt seine Frau – auffällig schmale Taille, knöchellanger Rock, Steckfrisur – schwebend, auf Stelzen. Sie lächelt, scheint die hohe Position zu genießen.
Die beiden, die in einem heiteren Moment auf der Schwarz-Weiß Fotografie festgehalten worden sind, bezaubern die Besucher: innen, die in die geräumige Küche der Villa Kinsele geladen werden – und machen neugierig auf jene, die hier gewohnt haben, auf ihre Geschichten und den Geist, der durch die Räume weht. Der ist nicht so leicht zu fassen, in dreihundert Jahren brausen viele Windböen um den alten Turm der Maria-Schnee-Kirche. Aber es gibt jahrhundertealte Wandkästen in der Villa, schmiedeeiserne Schlösser, florale Fresken, robuste Truhen und im Dachboden sogar alte Schrankkoffer, die von Abschied und Alltag, von Reichtum und Moden, von Ehrgeiz, Schönheit und Handwerk, von Kunst und Vergänglichkeit erzählen. Gemütlich ist das Pfaffenzimmer, vielleicht entdeckt jemand den Hl. Donatus und die Frage, wie das Dienstmädchen heißt, das sich hinter der alten Täfelung mit einem Autogramm verewigt hat, kann der Gastgeber sicher auch beantworten. Wer in der Villa Kinsele übernachten darf, schläft gut. Der Blick aus dem Schlafzimmer fällt auf hohe alte Bäume und markante Berge, einen kleinen Kirchturm, einen geheimnisvollen Gang, einen rot gestrichenen Balkon und auf Grün, das üppig durch den Sommer leuchtet. Dieser Moment, an dem der Schlaf vorbeigezogen ist und ein neuer Tag anbricht, ist ein magischer – vor allem, wenn Entspannung und Leichtigkeit die Stuben und das Herz umgarnen: In diesem Haus werden viele in Glück den Tag beginnen! Und wer genau lauscht, der vermag die Geheimnisse vielleicht zu hören und zu deuten: Der Frieden liegt im Augenblick. Nichts ist umsonst, nichts ist zufällig, nichts ist nur ein Wimpernschlag im Wind. Das, was wirklich bleibt, ist unsichtbar. Unsichtbar wie der Reigen an Gefühlen in jener Frau mit Steckfrisur, in knöchellangem Rock und auffällig schmaler Taille, die schwebend auf Stelzen geht an einem Sommertag.
Abb. 1: “Castelpietra sul Renon col Sciliar”: Ansichtskarte aus der Zwischenkriegszeit.
“Die Ruine der Burg Stein am Ritten befindet sich in Südtirol in der Gemeinde Ritten unterhalb von Siffian. Die wenigen imposanten Reste der Burgruine erheben sich auf einem isolierten Felskopf ober einer Schlucht, die vom Ritten ins untere Eisacktal abfällt. Vom ehemals mindestens vierstöckigen Palas stehen nur noch Süd- und Westwand, die Ringmauern der tiefer gelegenen Vorburg sind zum Großteil in die Tiefe gestürzt. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts wurde die Anlage von den Herren „de Lapide“ (zum Stein) erbaut, 1349 zerstört, danach wieder aufgebaut und im 17. Jahrhundert aufgelassen. Über lange Zeit fungierte die an wichtigen Sekundärverbindungen gelegene Burg als Gerichtssitz des Rittens. Im Auftrag der Tiroler Landesfürsten übten im 15. Jahrhundert Pflegrichter die Gerichtsbarkeit aus, so im Jahr 1417 der Bozener Adelige Ingenuin von Weineck als <phleger auf dem Stain>“. (aus Wikipedia 2025)
Der Louis-seize (auch: Louis XVI, vorrevolutionärer Klassizismus) ist eine Stilrichtung in der französischen und französisch beeinflussten europäischen Kunst und Architektur des 18. Jahrhunderts zwischen 1760 und 1790. Der Stil ist benannt nach dem französischen König Ludwig XVI. (Regierungszeit: 1774–1792). (Aus Wikipedia)
Abb. 1: Wollen wir kurz auf dem Gang im 1. Stocke zwischen den Wohnungen “Lori” und “Johanna” verweilen?
Es ist nicht feststellbar, wem genau wir den reichhaltigen Bestand an Möbeln dieser Stilrichtung zuzuschreiben haben, ob dem Sohn des Erbauers der des Kinselehauses, dem späteren Bankrotteur Joseph Andre Lanner, oder dem 1779 nachfolgendem Ersteigerer der Immobilie, dem Emporkömmling Franz Sales Kinsele. Tatsache ist jedenfalls, dass die vermögenden Bozner Handelsherren gute bis beste Kontakte auch zur Welt außerhalb des “Land im Gebirge” hatten und ihren Reichtum nicht ungern mit Gegenständen à la mode zelebrierten.
Abb 2: Praxistauglichkeit ist keine Erfindung von heute: Der mit Intarsien verzierte Esstisch in der Wohnung “Johanna” ist ausziehbar. Die Stühle und das Canape stammen – leicht ersichtlich – aus der gleichen Zeit.„Louis-seize [lwi sɛːz oder Lui säz]“ weiterlesen
Mit dem Setzen der Bäume längs der zusätzlichen Einfahrt, welche im Rahmen von kleineren Grenzverschiebungen mit dem südlichen Nachbarn gebaut wurde (ich berichtete), kann auch dieses Vorhaben als beendet betrachtet werden. Es stimmt, der Bretterzaun muss wieder montiert und ergänzt werden und mittelfristig wäre es sinnvoll, auch ein Gitter am Beginn der Rampe montieren zu lassen. Aber momentan will ich weitere Ausgaben vermeiden und die Benutzbarkeit ist ja so auch gegeben.
Abb 1: Blick vom südlichen Rand der oberen Wiese auf die Parkbucht und den Beginn der zusätzlichen, neuen Einfahrt. Im Vordergrund einer der neu gesetzten Linden.
Entlang der zur oberen Wiese führenden Rampe haben wir Bäume setzen lassen. Der tradierten Umgebung gemäß zwei Winterlinden (Tilia cordata) und zwei Rosskastanien. Bei letzteren fiel dieses Mal die Wahl auf rosa blühende Exemplare (Aesculus x carnea). Erstens aus ästhetischen Gründen und zweitens, – leider wichtiger – weil diese natürlichen Hybride resistent gegenüber der sich sehr stark ausgebreiteten Miniermotte (Cameraria ohridella) sind. Anfällig ist dieser natürliche Hybrid aber wie seine Gattungsgenossen auf den die Blattbräune der Rosskastanie verursachenden Pilz Guignardia aesculi.
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